Die
bessere Art der Salonmusik”
Antworten
auf „Schön Rosmarin” und
- Robert Schumann
Was
soll man davon halten? Da präsentiert ein Original Salon-Ensemble nach
drei CD-Einspielungen sein Opus 4 und vergreift sich dabei an Komponisten,
die längst in den Olymp der Musikgeschichte aufgestiegen sind. Namen wie
Georges Boulanger, Gustl Edelmann, Richard Eilenberg oder Fritz Kreisler
hatte man erwartet. Was aber haben Johannes
Brahms, Jules Massenet,
Camille Saint-Saëns und Franz Schubert auf einer CD mit Salonmusik
verloren?
Der
letztere entpuppt sich bei näherem Hinsehen freilich als Verwechslung: Es
handelt sich um einen Franz aus der Dresdener Musikerfamilie Schubert.
Nicht weniger als drei Komponisten dieser Dynastie trugen denselben Namen
wie „unser” berühmter
Wiener Schubert, und schon der erste unter ihnen protestierte 1815 wütend
gegen das „Machwerk”
einer Liedvertonung von Goethes Erlkönig, mit dem ein Unbekannter
seinen ehrlichen Namen „gemissbrauchet”
habe. Der Sohn dieses heute unbekannten Dresdener Schubert, der den Flug
einer Biene (die auch eine Hummel sein könnte...) mit der genreüblichen
Geigenvirtuosität nachgezeichnet hat, kann als Salonkomponist noch
durchgehen; Camille Saint-Saëns jedoch wäre mit dieser Bezeichnung wohl
weit weniger glücklich. Zwar hat er mit dem Schwan ebenfalls ein
Tier charakterisiert, aber erstens steht bei ihm nicht ein Stehgeiger,
sondern ein Violoncello im Zentrum, und zweitens stammt sein Schwan aus
einem seiner berühmtesten Werke: der
„grande fantaisie zoologique” mit dem Titel Le carnaval des
animaux.
Dieser
Verweis auf die Fasnacht, der zoologische Untertitel und die originale
Besetzung mit Harmonika und Xylophon lassen allerdings den Verdacht
aufkommen, dass das Stück nicht in die ganz ernste Kategorie des Saint-Saëns'schen
Kunstschaffens gehört. Und auch der sehnsüchtige Schmelz der
Cellokantilene rückt dieses Andantino grazioso zusammen mit den
begleitenden Girlanden im Klavier in eine prekäre Nachbarschaft zur
Salonmusik - zu jener zweifelhaften Gattung also, die ihren Namen in den
dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts erhielt und alsbald von den
massgebenden Musiktheoretikern als „kunstunwürdiges
Zeug” (Johann Christian Lobe) oder
„triviales Tongeklingel” (Hugo Riemann) bezeichnet wurde.
Solch
vernichtender Definitionen ungeachtet war der Siegeszug der Salonmusik
nicht aufzuhalten. Heinrich Heine beklagte sich bitter darüber, dass
seine Wandnachbarinnen auf dem modischen Pianoforte ein
„brillantes Morceau für zwei linke Hände” zum besten gaben,
und Robert Schumann träumte von der
„Sehnsucht nach der echten Heimat der Kunst, die nun einmal in
den Salons der Grossen und Reichen nicht zu finden ist”. Stattdessen
fand Schumann eine „bessere Art der Salonmusik“: Chopin war für ihn
der „vornehmste Salonkomponist” und dessen As-Dur-Walzer op. 42
„ein Salonstück der nobelsten Art“.
Mit
solchen Wertungen hätte sich vielleicht auch Saint-Saëns anfreunden können.
Und Massenets Elegie klänge in Schumanns Ohren wohl ebenfalls wie
ein nobles Salonstück. So gehört könnte diese jüngste Einspielung des
Salon-Ensembles Prima Carezza gleichsam als musikalische Antwort auf Schumanns ästhetisches Diktum verstanden werden, und damit würde sie
insofern unmittelbar an der letzten CD ( „Concert for Nora”,
Tudor
7023) anknüpfen, als diese mit einer Bearbeitung endete, die von Robert
Schumann persönlich stammte. Dass „La dolce musica” ohnehin in der
Tradition der ersten drei Einspielungen steht, beweisen - gewissermassen
als Pièces de resistance - die Stücke des griechisch-rumänischen
Komponisten und Geigenvirtuosen Georges Boulanger. Dieses salonistische
Urgestein, das dank Prima Carezza schon in
„Comme-ci, comme-ça” (Tudor 766) und
„Extase” (Tudor 795)
wieder zu entdecken war, entstammt wie Elman, Heifetz, Milstein oder
Zimbalist der legendären Violinschule Leopold Auers und gibt auf der
vorliegenden CD eine Antwort auf Fritz Kreislers „Schön
Rosmarin“. Wohl als Persiflage und Reverenz zugleich gedacht, hiess
das Stück laut der deutschen Urheberrechtsgesellschaft GEMA ursprünglich
genau so: Antwort auf „Schön
Rosmarin”. Mit Hitlers Machtergreifung wurden aber Kreisler und
seine Musik aus Deutschland vertrieben - eine Antwort auf Schön
Rosmarin war nicht mehr gefragt. Die GEMA änderte 1938, möglicherweise
ohne Wissen Boulangers, den Titel kurzerhand zu einem unverfänglichen
Sanssouci, und nur dem Spürsinn des Prima Carezza-Primarius Klaus Neftel
ist es zu verdanken, dass die ursprüngliche Intention Boulangers in der
direkten Gegenüberstellung mit Kreislers berühmter Vorlage nun wieder hörbar
ist.
Die
augenzwinkernde Antwort auf Schön Rosmarin passt im übrigen
ohnehin viel besser zu Boulangers eigenwilligen Titelkreationen, die das
ganze Gefühlsspektrum vom schlichten Warum? bis zur salonpoetisch
überhöhten Klage Einsam steh' ich unterm Sternenzelt abdecken. Auch über
den aussermusikalischen Hintergrund von Gemüse, Gemüse, Gemüse kann
man trefflich spekulieren, während Fritz Kreisler
mit La Chasse ein
anderes Rätsel aufgibt: denn dieses Jagdstück stammt vermutlich nicht
von Jean Baptiste Cartier; sondern gehört mit hoher Wahrscheinlichkeit
auf die lange Liste von Fälschungen, die Kreisler selber angefertigt hat,
um dann zu behaupten, er hätte durch Zufall ein altes Musikmanuskript
entdeckt. Gesichert ist demgegenüber die Autorenschaft von Liebesfreud,
einem Evergreen der Salonmusik, dem Kreisler auch das Liebesleid folgen
liess.
Ebenfalls
in die Kategorie der Evergreens ist die schellenbegleitete Petersburger
Schlittenfahrt einzureihen, die Richard Eilenberg als begnadeten
Komponisten von Charakterstücken ausweist. Dem galoppierenden Übermut
dieser fröhlichen Winterreise stehen - so kontrastreich wie es für die
Salonmusik typisch ist - zwei besonders traurige Exemplare der Gattung
Valse triste gegenüber. Und insbesondere mit dem Walzer aus der
Ballett-Pantomime Der faule Hans nähern wir uns wieder dem
Grenzbereich zwischen Kunst- und Salonmusik, für den sich neben Chopin
noch zwei weitere berühmte Klaviervirtuosen
des
19. Jahrhunderts interessiert haben: Franz Liszt und Johannes
Brahms. Während
der erste nicht weniger als 19 Klavierrhapsodien mit folkloristischen
Zutaten ungarischer Provenienz würzte, legte der zweite 21 Ungarische Tänze
für Klavier zu vier Händen vor, wobei er die Nummern 1-10 auch für
Klavier zu zwei Händen und die Nummern 1, 3 und 10 gar für Orchester
bearbeitete.
Wie
der Deutsche Gustl Edelmann in Zigeunerblut und - noch gewagter -
in Ungarische Heimat versuchte sich auch Brahms in die magyarische Seele
hineinzudenken. Béla Bartók und Zoltan Kodály zeigten später mit ihren
wissenschaftlich angelegten Aufzeichnungen ungarischer Volksmusik zwar
auf, dass weder Liszt noch Brahms das typisch Ungarische in ihren Werken
herausgearbeitet hatten; der Popularität dieser folkloristischen Spielart
tat dies jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil: die Zahl der Bearbeitungen für
alle möglichen Orchesterformen ist im 20. Jahrhundert noch gestiegen, und
die Geigerin von Prima Carezza, Michaela Paetsch Neftel, hat zunächst
weitere Arrangements für Violine und Klavier (Tudor 7037,
Brahms:
Ungarische Tänze Nr.1-21) und jetzt auch für Salonensemble beigesteuert.
Mit
solchen Bearbeitungen, die aus der Not wechselnder Besetzungen eine Tugend
machen, befindet sich die Salonmusik in einem ständigen Spannungsfeld von
originalen und fremden Elementen. Die Frage, ob Leo Rodis Exotismen Am
Schwarzen Meer wirklich in dieser Form zu hören sind, ist daher genau
so müssig, wie jene nach den biographischen Umständen von Wolfsthals Zsa-Zsa
oder Schmidseders Marzna. Die Kunst der Salonmusik besteht
vielmehr darin, mit hintergründiger Ironie die vordergründigsten
Klischees zu servieren - etwa ein Lied von Glück und Treu - und wenn sich
das Publikum damit ein bisschen verzaubern lässt, dann schauen die
schalkhaften Augen des Stehgeigers gelassen auf die gestrengen
Kunstkritiker hinunter.
Rene
Karlen