Prima
Carezza: Le Gala Boulanger
Salonorchester Cölln: Le nouveau Salon
I Salonisti: Le Salon Américain
Wachgeküsst
aus ihrem Dornröschenschlaf erlebt die Salonmusik derzeit einen zweiten
Frühling. Einiges
reifer sicherlich als die Schöne aus dem Märchen, erobert sie dennoch -
delikat und kess wie ehedem - die Herzen ihrer Liebhaber. Und solcher sind
nicht wenige. Nach fünfzigjähriger Ruhephase, entschlackt von wertlosem
Ballast, verführt sie denn auch weit mehr als nur rüstige Rentner.
Selbst die dancefloor- und technogeprüfte Jugend soll sich nun dann und
wann der zartbitteren Verführerin hingeben und ihr Ohr gerührt einem Neapolitanischen
Ständchen, einem Tango Torero oder den im Kollektiv lachenden
Englein leihen, ohne freilich - da bleiben wir realistisch - darob gleich
in Extase zu verfallen.
Verlassen
wir das Bild der einnehmenden Dame und stellen nüchtern fest: Salonmusik
ist wieder Mode. Mehr noch: Sie wird - endlich - salonfähig, der
Wissenschaft würdig.Da schwieg man diese (Sub-)Kultur und ihre Exponenten
während Jahrzehnten tot und plötzlich spriessen die gelehrten Arbeiten,
die Essays; selbst die Populärpresse merkt auf Die Renaissance des Genres
entspricht dabei aber beileibe keiner synthetisch-nüchternen
Papiergeburt. Zwar käme es wohl keinem Zeitgenossen ernsthaft in den
Sinn, Salonmusik hundert Jahre nach dem Fin de siécle neu zu
komponieren, aber aus dem Fundus des überreich Vorhandenen schöpft man
gerne und nicht zu spärlich. Manch Kabinettstückchen, manch Ohrwurm ist
bereits wiederbelebt und erfreut nach den Grosseltern nun auch deren Enkel
- in Interpretationen junger, innovativer und immer zahlreicher werdender
Ensembles, nota bene. Dass die Salonmusik wieder Zukunft hat, liegt
massgeblich auch am unverkrampften Umgang mit ihr. Da werden in bester
Tradition Stücke umarrangiert und (pot)püriert, dass es eine wahre
Freude ist. Und so erstaunt es einen Habitué nicht, wenn ihm schon mal
die Bearbeitung einer Bearbeitung (einer Bearbeitung) vorgesetzt wird.
Militante Verfechter einer "historischen Aufführungspraxis"
sind noch nicht bis zur Salonmusik vorgestossen. Ihr Anliegen wäre hier
auch reichlich absurd, denn erlaubt war schon früher, was gefiel - und so
wollen wir es doch auch heute halten. Neben dem Seufzergalopp eines
Johann Strauss oder dem morbiden Avant de mourir von Georges
Boulanger hat darum problemlos auch eine anachronistische Salonfassung der
Bernstein-Nummer America Platz oder eine kuschelige Version des
Heulers Send in the Clowns für Violoncello.
Salonmusik
wurde damals, als das Jahrhundert noch jung war, im Kaffeehaus eins zu
eins erlebt - oder auch in der Bar, im Hotel, auf dem Schiff, im Kino... Für
solche Spässe haben wir kein Geld mehr. Leider. Salonmusik ist heute
bestenfalls im Konzert zu haben, oder dann - weniger exklusiv, aber
ungleich leichter zu beschaffen - ab Konserve. Die vorliegende Einspielung
bietet beides in einem, denn sie bringt das Live-Erlebnis in die gute
Stube. Ohne den doppelten Boden moderner Studio-Technik demonstrieren
darauf drei herausragende und doch so unterschiedliche Orchester in souveräner
Weise, was man von diesem auferstandenen Genre noch so alles zu erwarten
hat.
Christian
Peter Meier
Gleichzeitig
mit dem Tod des rumänischen Violinvirtuosen und Salonmusikers Georges
Boulanger (1893 bis 1958) ist im europäischen Kulturgut eine weit
verbreitete Erscheinungsform der musikalischen Unterhaltung von den
Hotelhallen, Varietés, Kaffeehäusern und Privatanlässen verschwunden
und dem Trend entsprechend auch aus den Radioprogrammen gestrichen worden.
Heute ist schwer nachzuvollziehen, wie diese Musik, die, solange es
sie gab, die Herzen der Musikanten und Zuhörer auf ihre spezielle Art zu
rühren vermochte, derart in der Vergessenheit versinken konnte.
Die Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg hat andere
Unterhaltungsmusikformen hervorgebracht, die zwar die der Salon- oder
Kaffeehausmusik eigene improvisatorische und ethnische Qualität und die
ungezwungene Darbietungsweise wohl noch aufweisen, aber ganz andere
seelische Bereiche tangieren.
Einige
Musiker stellen heute mit Bedauern fest, dass ihnen damit eine
Ausdrucksweise abhanden gekommen ist, die über Generationen sowohl dem
klassisch gebildeten Virtuosen und gleichermassen etwa dem slawischen oder
argentinischen Volksmusiker offenstand.
Ein musikalischer Dialekt ist somit verloren gegangen, der wie
alles musikalische Erleben schwer in Worte zu fassen ist, aber für
zahllose Musikliebhaber unmittelbar verständlich war.
Es ist interessant festzustellen, dass die Faszination dieser Musik
dort, wo sie heute wieder auftaucht, ungebrochen durch alle
Modeerscheinungen wieder voll zum Tragen kommt.
Diesem Dialekt nachzuspüren, ihn wieder aufleben zu lassen und
seinen Mitgliedern in Form von Konzerten, Schrift- und Tondokumenten zugänglich
zu machen und weiter zu vermitteln, ist das erklärte Ziel der Georges
Boulanger Gesellschaft.
Die
geeignetste Form, die Salonmusik wieder aufleben zu lassen, ist naturgemäss
das Live-Konzert.
Im prachtvollen fin-de-siécle Saal des Casino/Kursaals
Interlaken wurde endlich der geeignete Rahmen gefunden, um den Musikern
und Enthusiasten das stimmungsvolle Umfeld zu schaffen, um die
wiedererwachte Salonmusiklust auszuleben.
Die Georges Boulanger Gesellschaft hat in Zusammenarbeit mit der
Touristik-Organisation Interlaken, der Direktion des Kursaals Interlaken
und der Organisation der Interlakner Festwochen 1994 das Internationale
Salonmusikfestival aus der Taufe gehoben, welches künftig jedes Jahr
Mitte September das klingende Vermächtnis von Georges Boulanger und
anderen Salonmusikgrössen dem geneigten Publikum mit der nötigen
Virtuosität und Leidenschaft, aber auch mit dem berühmten Augenzwinkern
servieren wird...
Übrigens
erlaubt die vorliegende Produktion einen interessanten Quervergleich mit
existierenden Studioaufnahmen.
Mit Ihrer alten Vermutung liegen Sie richtig: Live-Konzerte leben
wirklich!
Daniel
G. Ryhiner