Salonmusik
als Surrogat grosser Gefühle
Hinweise
auf Bearbeitungen von Bearbeitungen
Keine
musikalische Gattung lebt so sehr von der Bearbeitung wie die unlängst
wiederentdeckte und auf breiter Ebene aufgewertete Salonmusik. Was der
Komponist, Musiktheoretiker und Pianist Ferruccio Busoni, selber ein
Meister der Transkription, in seinem Essay “Wert der Bearbeitung”
(1910) in den Satz gekleidet hatte “jede Notation ist schon
Transkription eines abstrakten Einfalls”, trifft in unserer Zeit nahezu
auf jedes Salonstück zu. Seit nämlich die diversen Standardbesetzungen
des traditionellen Salonorchesters (Wiener Besetzung mit Klavier,
obligater Violine, Violine, Violoncello und / oder Kontrabass, Flöte ad
libitum und Schlagzeug; Pariser Besetzung dieselbe mit zusätzlichem
Kornett; Berliner Besetzung mit 2 Violinen, Viola, Violoncello,
Kontrabass, Flöte, Klarinette, Kornett, Posaune und Schlagzeug) nach dem
Zweiten Weltkrieg verschwunden sind, lebt die inzwischen wie Phönix aus
der Asche auferstandene Salonmusik förmlich von Neubearbeitungen
zugunsten von variablen Neubesetzungen. Manches wohl für immer zerstörte
oder verlorene Aufführungsmaterial, das in den meisten Fällen bereits
selber einer Bearbeitung entsprach, wurde durch eine weitere Bearbeitung
ersetzt, die ihrerseits schon auf einer Bearbeitung basierte. Eine
stattliche Anzahl von Salonstücken wurde nämlich ursprünglich für
Soloklavier, für eine Singstimme mit Klavierbegleitung oder für Violine
und Klavier komponiert und erst im Verlaufe von Jahrzehnten für eine der
drei Orchesterbesetzungen umgeschrieben.
Diese
grundsätzlich kleinformatigen, auf wenige Soloinstrumente begrenzten
Salonstücke hatten anfänglich virtuosen Charakter, als sie in den noblen
Salons der Aristokratie und des Grossbürgertums zu Beginn des 19.
Jahrhunderts zur Bereicherung literarischer Abendveranstaltungen
entwickelt wurden. Klaviervirtuosen wie Chopin und Liszt, Henri Herz,
Friedrich Kalkbrenner und Sigismond Thalberg huldigten ihnen mit demselben
Eifer wie wenig später Stephen Heller und Peter Tschalkowsky, Theodor
Kulak und Moritz Moszkowski. je anspruchsloser aber der Klaviersatz dieses
für die musikalische Romantik typischen Klavierstücks wurde, desto
oberflächlicher wurde sein Ausdrucksgehalt. Ihren Tiefpunkt erreichte die
schnell verfluchte Salonmusik für Klavier um die Wende zum 20.
Jahrhundert. Damals häuften sich die nichtssagenden Arpeggien und süssen
Sexten, die formelhaften Wendungen und rührseligen Trivialitäten auf
schwer erträgliche Weise. Der leicht spielbare und ebenso leicht
konsumierbare Kitsch begann die anspruchsvolle Kunst virtuoser Kabinettstücke
abzulösen. Das endgültig isolierte Salonstück nahm die Züge eines
Massenprodukts an, das weltweit zum kulturellen Modeartikel par excellence
avancierte und das romantische Charakterstück verdrängte. Bei aller Veräusserlichung
der unterschiedlichen Emotionen, die innerhalb eines Salonstücks auf
engstem Raum miteinander abwechseln können, wahrte dieses neue Genre doch
eine seiner vorzüglichsten Eigenschaften, die Kürze und Konzentriertheit
seiner melodischen Gestalt. Das “klassische” Salonstück der folgenden
zwanziger Jahre ist einerseits ein bewundernswertes Komprimat
verschiedener Ausdruckswerte und Stimmungen, andererseits ein
formengeschichtlich neuartiges Surrogat grosser Gefühle. Was Arnold Schönberg,
der selber mit Salonorchesterbearbeitungen von Wiener Walzern hervortrat,
1924 im Vorwort zu den Sechs Bagatellen op. 9 für Streichquartett seines
Meisterschülers Anton Webern bemerkte, lässt sich unschwer auch auf das
Salonstück aus derselben Zeit übertragen: Man bedenke, welche
Enthaltsamkeit dazu gehört, sich so kurz zu fassen. jeder Blick lässt
sich zu einem Gedicht, jeder Seufzer zu einem Roman ausdehnen. Aber: einen
Roman durch eine einzige Geste, ein Glück durch ein einziges Aufatmen
auszudrücken: solche Konzentration findet sich nur, wo Wehleidigkeit in
entsprechendem Masse fehlt.”
Mögen
die rührenden Empfindungen von “Heimweh” (Georges Boulanger) und von
Träumereien wie der elegisch gefärbten Rêverie” von Antonio Bazzini
noch so gefühlsstark scheinen, so handelt es sich doch um kühl
kalkulierte Kompositionen mit raffiniert aufgesetztem Sentiment. Die weitläufige
Geste und der echte, schwer nachvollziehbare Gefühlsausbruch werden auf
ein paar wenige Takte reduziert und somit zum Surrogat. Was da nicht alles
kunstvoll ersetzt wird, deuten Titel wie “Nur nicht aus Liebe
weinen...” (Theo Mackeben) oder “Von der Puszta will ich träumen”
(Lothar Brühne) vielversprechend an. Es sind aber keineswegs nur die
grossen Gefühle von Liebe und Sehnsucht, die innerhalb eines kurzen
Salonstücks auf ein paar melodisch prägnante Formulierungen zurückgeschraubt
werden. Auch die Gestik von sinfonischen Werken ist in dieser Welt der oft
collageartig eingebauten Versatzstücke in extremen Verknappungen und Verkürzungen
anzutreffen. So finden sich in Lied und Csárdás Mariska” von Franz Lehár
nacheinander das Abbild einer virtuosen Solokadenz aus einem
Instrumentalkonzert, einer gravitätischen Einleitung mit typisch
ungarischem Melos und des populären Volkstanzes, der immer schneller
gespielt wird und die Ungarischen Rhapsodien von Franz Liszt zu seinen
Vorbildern zählt. In seinem Russischen Lied “Nur nicht aus Liebe
weinen...” aus dem Ufa-Film “Es war eine rauschende Ballnacht”
lehnte sich Theo Mackeben einleitend gleich an zwei Kompositionen von
Sergej Rachmaninow an, um den russischen Charakter zu unterstreichen und
ausserdem gleichsam sinfonisches Gewicht zu evozieren. Die Anfangstakte
erinnern nicht zufällig an Rachmaninows Pré1ude in cis-Moll op. 3 Nr. 2
(“Die Glocken von Moskau”) und an den Beginn des 2. Klavierkonzerts in
c-Moll op. 18. Eine kleine Sammlung von Fremdzitaten enthält der Walzer
“España” von Emil Waldteufel. Er geht auf die gleichnamige
Orchesterrhapsodie von Emmanuel Chabrier zurück, die im übrigen in den
Klavierstücken “Croyuis
et Agaceries d‘un gros Bonhomme” (Nr. 3, Españaña) mit Erik Satie
ein Komponist zitierte, der die Pariser Salonmusik selber mit Stücken wie
“Je te veux” und “La Diva de l‘Empire” bereicherte. Ein ganzer
Kosmos von Gefühlen füllt den Marsch “Einzug der Gladiatoren” von
Julius Fucìk aus, lösen sich doch in dieser meisterhaft gesetzten
Miniatur von Fanfaren erzeugte Feststimmung, zügiges Marschieren,
lyrische Innigkeit und die auf den Schluss aufgesparte Atmosphäre des
Erhabenen ab.
Für
grosse Abwechslung wie schon in den vorausgegangenen CD-Produktionen
“Comme-ci, comme-ça”, Hommage à Georges Boulanger (Tudor 766) und
“Extase”(Tudor 795) sorgt das preisgekrönte Original SalonEnsemble
“Prima Carezza” auch mit der vorliegenden Zusammenstellung. Sie erhält
mit weiteren Kompositionen des griechisch-bulgarischen Geigers Georges
Boulanger (1893-1958) einen Schwerpunkt, der den zigeunerischen Aspekt der
Salonmusik mit rumänischem Kolorit verknüpft und in der "Vitamin-Polka"
seinen brillanten Höhepunkt in der geigerischen Bravour erreicht.
Zigeunertemperament erfordern auch der von Jascha Heifetz in den zwanziger
Jahren für Violine und Klavier neu bearbeitete rumänische Tanz "Hora
Staccato" von Grigoras Dinicu mit seiner vertrackten Ornamentik und
eine weitere Hora desselben Komponisten, der mit folkloristischen Motiven
aufwartet, die der Konzertbesucher aus den beiden Rumänischen Rhapsodien
op. 11 von George Enescu kennt. Zur bunten Vielfalt von Formen und
nationalen Farben tragen ferner die im ungarischen Stil notierten Stücke
von Franz Lehár, M. Erdély (“Puszta-Fox”) und Georges Boulanger ("Hallo,
Budapest!") bei, die spanisch inspirierten von José Padilla (“El
Relicario”) und die bereits erwähnte “España” des Strassburger
Walzerkomponisten Emil Waldteufel, der es bis zum kaiserlichen
Hofballdirektor und Kammerpianisten der Kaiserin Eugenie gebracht hatte.
Als Violinvirtuose kaum weniger erfolgreich, vermehrte der Wiener Fritz
Kreisler die Salonliteratur mit zahlreichen Originalkompositionen. Sein
Miniature "Viennese March" musste sich, bevor er hier in einer
Fassung für Salonensemble erscheinen konnte, eine recht ungewohnte
Bearbeitung gefallen lassen. Das zuerst als leichtes Violinstück mit
Klavierbegleitung veröffentlichte Evergreen machte das Zwischenstadium
einer Version für Streichquartett (Erik Leidzen) durch, während die von
Niccolò Paganini für Solovioline geschriebene 13. Caprice später eine
von Robert Schumann hinzukomponierte Klavierbegleitung erhielt, um in der
Neubearbeitung durch “Prima Carezza” schliesslich in ein
dialogisierendes Violinduett mit Begleitinstrumenten verwandelt zu werden.
Nur derlei Bearbeitungen ist es zu verdanken, dass mancher
“Bestseller” aus den zwanziger Jahren hiermit die Chance erhält, zum
Bestseller zu werden und jene “Fascination” (F. D. Marchetti) auszuüben,
welche es vermeidet, dass Salonmusik bloss als “Souvenir” (Franz Drdla)
einer längst entschwundenen Zeit verstanden wird anstatt immer jung“ (Georges
Boulanger) zu bleiben.
Walter
Labhart