Slaloms durch die Welt des Salons
Unkritische
Bemerkungen zu einer vielfach kritisierten Musikkultur
In
unserer betont betonfreundlichen, hochindustrialisierten und noch höher
technisierten Zeit ist das Abenteuer eines Konzertes mit Salonmusik vor
allem am Abend teuer'. Billiger als in teuren Lokalen ist derlei Musik auf
Platten zu haben. Solange öffentliche Abendveranstaltungen mit Salonmusik
Seltenheitswert besitzen, haben Tonträger mit der entsprechenden Musik
Saison. Eine der ursprünglich lebendigsten Formen der unterhaltsamen
Musik, die förmlich von der Gunst des Augenblicks lebte und als spontane
Kunst keineswegs am Notenblatt klebte, wird somit zur Tonkonserve
degradiert. Die Konzertinstitute, die viel auf sich und nichts von echter
Salonmusik halten, öffnen und füllen ihre Säle nur, wenn namhafte
Interpreten künstlerisch domestizierte "Salonmusik" zelebrieren,
die mit grossen Komponistennamen verbunden ist, mit Chopin und Liszt, mit
Brahms und Grieg, mit Schumann und anderen Romantikern. Doch was hat ein
Vollblutmusiker wie Georges Boulanger im hehren Musiktempel zu suchen?
Backe er, der „Boulanger“, für andere Stätten seine Kuchen! Für
welche wohl, wenn ihm die Türen überall verschlossen bleiben und die
Lexika nur abschätzig von seiner süssen Ton(torten-)kunst schreiben. Was
die gelehrten und in Akademien in Statuenform aufbewahrten Autoren solcher
Bildungswerke von einem seligen Seufzer oder einem erotisierenden Vibrato
halten, lehren ihre häufig leeren Kommentare in dicken Büchern,
besonders in alten.
„Salonmusik,
nur für die äusserliche Unterhaltung berechnete Musik, triviales
Tongeklingel”, meldet Hugo Riemanns Musiklexikon von 1905, um
folgendermassen fortzufahren: “ein Begriff, dessen Definition man nur
mit Bedauern geben kann, da die S. die Verflachung des Geschmacks der
Dilettanten und die Versumpfung der Mehrzahl der Komponisten verrät. Die
S. ist der traurige Ersatz für das, was man ehedem ‚Hausmusik‘
nannte.” Dieser Satz, immer derselbe altbekannte, besiegelte noch 1919
das Urteil der deutschen Musikgelehrten, die sich auch später gegen die
„Verflachung des Geschmacks der Dilettanten” wehrten. Nach dem Tod von
Millionen in zwei Kriegen arm an Illusionen und selbst nach tausendfachem
Morden sachlicher geworden, halten die sozialistischen Musikologen für
den Rest dann fest: „Die Salonmusik ist eine Form der bürgerlichen
Unterhaltungsmusik, die vorwiegend aus volkstümlichen Melodien und
Bearbeitungen vieler musikalischer Gattungen (,Vortragsstücke') für
kleine Ensembles (meistens Klaviertrio) bestand. Sie wurde Mitte des 19.
Jahrhunderts von den Salonorchestern in Caféhäusern, Weinstuben
(,Salons') und Konzerthallen ausgeübt. Im 20. Jahrhundert verfluchte die
Salonmusik, in der sozialistischen Gesellschaft verlor sie ihre
Existenzbedingung.' Das meinte 1984 ein in Leipzig veröffentlichtes
Musiklexikon für jugendliche, die damals weder „Salons“ noch
Weinstuben gefunden hätten, dafür umso eher Salonmusik, allerdings unter
dem Begriff „Estradenmusik“ getauft und als solche in ostdeutschen Caféhäusern
und Konzerthallen verkauft.
Mehr
Glück hat der Leser mit dem westlichen Gegenstück, mit dem von Heinrich
Lindlar 1989 in Frankfurt am Main herausgegebenen „Wörterbuch der
Musik“. Da erst bleibt das Tendenziöse, infolge „Verflachung des
Geschmacks“ gar Böse ebenso wie der weiter wertende Kommentar aus. Und
für den offenkundigen Ohrenschmaus im Caféhaus stehen erstmals die
folgenden Worte der anerkennenden Sorte: „Salonmusik, im 18. Jahrhundert
Bezeichnung für Kammermusik, in den Salons höfischer oder grossbürgerlicher
Kreise aufgeführt, im 19. Jahrhundert abwertend für tändelnd-virtuose
oder trivial-lyrische Klavier- und Kammermusik, in der 2. Hälfte des
Jahrhunderts kammerorchestral nach Besetzungen unterschieden: Wiener
Salonorchester mit Klavier oder Harmonium, Violine obligat (Stehgeiger),
Violine, Violoncello oder Kontrabass, Flöte und Schlagzeug ad libitum,
Pariser Salonorchester um Kornett erweitert, Berliner Salonorchester um 2
Violinen, Viola, Klarinette, Posaune und Schlagzeug; nach dem 2. Weltkrieg
als Caféhausmusik weitergepflegt oder in andere Formen der
Unterhaltungsmusik übergeführt.“
Aus
den vielen Geschichten, die sich in den mondänen Pariser Salons zu Beginn
des 19. Jahrhunderts abspielten, wurde in manchen Fällen Geschichte,
waren doch jene „Gesellschaftszimmer“, wie die Salons einst hiessen,
der ideale Treffpunkt für die Dame von Welt und den Herrn Offizier, für
Staatsleute und solche, die als illustre Künstler trotz ihres Ansehens
keinen Staat machten. Die von allerlei pikanten Geschichten genährte
Geschichte der Geschichte ist ihrerseits im selben Masse Bestandteil der
Kulturgeschichte, wie es die mit noch viel mehr Pikanterien gewürzte
Geschichte der Salonmusik ist. Seltsam nur, dass sie bis heute
ungeschrieben ist, obschon überreich an immer noch gespielten Stücken
von Liszt, an vergessenen Rosinen von Rossini und an vielen Beispielen von
Georges Boulanger, die nicht nur in den zwanziger Jahren weitherum
gefielen. In die Gunst des Publikums kam Boulanger mit einer sehr künstlichen
Kunst. Künstlich war schon sein Name. Der 1893 im rumänischen Tulcea
geborene Sohn eines Griechen namens Pantazi. und einer Bulgarin stammte
nicht etwa aus einer angesehenen Bäckersfamilie, sondern aus einer
Familie von Musikern, von denen es einzig der vor hundert Jahren zur Welt
gekommene und mit dem von den amtlichen Stellen legalisierten Künstlernamen
Georges Boulanger 1958 in Buenos Aires aus derselben gegangene
Geigenvirtuose zu internationalem Ansehen brachte. Wie Klaus Neftel, in
seinem Einführungstext zur CD „Comme-ci, comme-ça. Hommage à Georges
Boulanger“ (Original Salon-Ensemble Prima Carezza Tudor CD 766) festhält,
,galt der mit zwölf Jahren ins Bukarester Konservatorium eingetretene
Geiger seines Geburtsorts wegen als typischer rumänischer
Zigeuner-Virtuose'. Wen wundert es, dass der griechisch-bulgarische
Violinkünstler mit künstlichem Künstlernamen besonders in der Welt der
noblen Damen den grössten Erfolg erzielte. Wenn er, der einem
Zigeunergeiger täuschend glich, mit verführerisch galantem Bogenstrich
in irgendeiner Gesellschaft spielte, kamen Damen mit und ohne Namen voll
auf ihre Rechnung. Boulanger gab sich als blosser Salongeiger nicht
zufrieden, und da ihm schöpferisches Talent in reichstem Masse
beschieden, reihte er als Komponist wie zuvor schon Liszt zu seinem Glück
bald Stück an Stück, um allein schon mit den Titeln unzählige Frauen zu
erbauen: „An eine schöne Frau“, „Liebling der Frauen“', „Juanita“,
„Nur Du“', „Heimweh“, „Tango Nora“', „Pourquoi, Madame?“
Da
seine Eltern von allgemeiner Bildung weniger hielten als allgemein von
guter Ausbildung mit dem Instrument, der Violine, liessen sie den fünfzehnjährigen
Familienstolz von jenem berühmten Violinvirtuosen weiter ausbilden,
welcher auch der Lehrer von Mischa Elman, Jascha
Heifetz, Alma Moodie,
Nathan Milstein und Efrem Zimbalist war: Leopold Auer (1845-1930),
seinerseits ein Meisterschüler von Joseph Joachim, Freund von Liszt und
Brahms. In Boulangers Kompositionen hört man auf die Dauer sowohl den
Einfluss von Auer als auch von längst vergessenen, ganz auf ihr betörendes
Spiel versessenen Zigeunergeigern in der Art der Phrasierung, in
Glissandoeffekten und in der eigenwilligen Akzentuierung von
Pizzicatoketten. Überall und zugleich nirgends zuhause, verstand es
Georges Boulanger vorzüglich, den jeweiligen Bedürfnissen und
Geschmacksrichtungen seines ständig wechselnden Publikums
entgegenzukommen, um entsprechendes Lokalkolorit zu berücksichtigen.
Bevor das Tausendjährige Reich nach sechs Jahren seiner Agonie
entgegenging und aufzuhören anfing, wurde der mit viel Carezza und
Morbidezza musizierende Autor des Salonhits „Avant de mourir“' zu
einer Berühmtheit. Im Slalom kurvte er mit seiner Geige durch manchen
gepflegten Salon, indem er eigene Stücke vortrug, in die er selber die
vertracktesten Hindernisse einbaute und beim Spielen dreinschaute, als
seien die sich aufbäumenden Flageolettketten und Pizzicatosprünge mit
Leichtigkeit zu glätten. Dass er die Grenzen von Kunst und Kitsch
vermischte und abendländisches Kulturgut virtuos mit grellen Exotismen
mischte, zeigen auf der vorliegenden Aufnahme so feurige Einfälle wie der
„Tango Torero“ mit seinen atemraubenden Zäsuren und den süssen
Sexten, die schon Brahms in dessen Liebeslieder-Walzern' verhexten, die in
Triolen verliebte Trioletta' für seine Tochter Georgette und eine
besonders nette Huldigung an das von ihm stark verehrte schwache
Geschlecht, der selig singende Salonwalzer Liebling der Frauen" - übrigens
keinem geringeren als Jascha Heifetz gewidmet. Auch für seine
Amerikanische Vision', eine Humoreske mit kurzen Blues-Schleifern und
jazzinspirierten Rhythmen, erntete Boulanger reichen Lohn. Vielfach
bearbeitet, auf opulenten Orchesterklang ausgeweitet, wurde dieser Slalom
durch den Westernsalo(o)n zwar nicht zu einem Evergreen wie der spritzige
„Pizzicato-Walzer“ mit seinen perlenden Paganiniaden, doch immerhin zu
einem elegant-morbiden Salonstück, würdig eines Kursaals in Baden-Baden.
An eine ganz andere Kultur erinnert, fern vom Bade, die geistvoll
charakterisierende „Kinderparade“'. Was der bulgarogriechische
Pseudo-Zigeuner aus Rumänien hier heraufbeschwört, indem er Musikfreunde
jeder Nation betört, ist das kunstvoll-kluge Klanggemisch der K. und K.
Donaumonarchie, wie ihr Joseph Roth im „Radetzkymarsch“ in Romanform
unvergessliches Profil verlieh. Saloneske Klänge, militärische wie in
Julius Fucíks „Florentinermarsch“ oder weniger strenge wie in
„Ritters Roten Rosen“, in Winklers „Neapolitanischem Ständchen“
und in Gannes „Extase“ machen unsere betonwüste Welt zur Oase, wenn
so farbenfrohe Salonstücke wie Grothes „Illusion“ und Rixners
„Blauer Himmel“ nach dem Genuss von Boulangers „Tokay“ - und war
es nur ein einziger Schluck aus einem Glase - in uns zu wirken beginnen.
Dawid Hiller