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Boulanger

 

Georges Boulanger (geboren 1893 in Tulcea, Rumänien; gestorben 1958 in Buenos Aires) war einer der grössten Salon-Geiger der Zwischenkriegszeit und sicher der erotischste unter ihnen. Seine Berühmtheit in den zwanziger und dreissiger Jahren, besonders in Deutschland, war märchenhaft. Dass heute die einschlägige Literatur seinen Namen praktisch vollständig verschweigt, zeigt in welchem Ausmass die bittersüsse Unterhaltungsmusik jener Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Coca-Colonisation und Eisernem Vorhang verschüttet worden ist (sie wird jetzt wieder entdeckt als liebenswertes Kulturgut des alten und wiederauflebenden Europas). 

Georges Boulanger stammte aus einer Musikerfamilie, die ihren ursprünglichen Namen “Pantazi” schon Generationen vorher aufgegeben hatte um sich frankophil ,Boulanger- zu nennen. Trotz einer bulgarischen Mutter und einem griechischen Vater galt Georges Boulanger wegen seinem Geburtsort als typischer rumänischer Zigeuner-Virtuose". Entgegen seinem Kindheitstraum, Strassenbahnschaffner zu werden, beugte er sich schliesslich dem elterlichen Wunsch und lernte das Geigenspiel, und zwar so gut, dass er mit zwölf Jahren auf das Konservatorium in Bukarest geschickt wurde. Drei Jahre später wurde er dann Schüler von Leopold Auer, in dessen Virtuosenschmiede auch Jascha Heifetz, Nathan Milstein, Mischa Elman und andere weltberühmte Geiger dieser Epoche ausgebildet wurden. Tatsächlich lassen sich anhand der noch auffindbaren Boulanger-Aufnahmen in der Tongebung und in gewissen Glissando- und Akzentmanieren Ähnlichkeiten gerade zu Heifetz erkennen.

Der entscheidende Durchbruch gelang Boulanger in den zwanziger Jahren. Er spielte in einer Sendung des deutschen Rundfunks, die zur Information der Politiker über dieses zunehmend bedeutende Medium direkt in den Reichstag übertragen wurde. Sein Name war mit einem Schlag bekannt. Er spielte nun in den berühmtesten Häusern Berlins und anderer europäischer Grossstädte und trat in mehreren Filmen auf. Ausserordentlich bekannt wurden auch viele seiner Kompositionen wie "Avant de mourir', Da Capo" und viele andere. Er spielte diese Stücke als Solist oder mit speziell auf ihn zugeschnittenen Orchestern und verhalf ihnen dadurch selbst zu ihrer überwältigenden Popularität.

Den Interpretationsstil von Georges Boulanger kann man noch heute auf alten Schellack-Platten sowie dank eines Doppelalbums mit zwei LPs kennenlernen, das EMI-Electrola nach seinem Tod herausgegeben hat. Er verschmolz die bewunderten Effekte der damaligen Konzertvirtuosen mit seinem wilden, östlichen Temperament und einer dekadenten Eleganz zu einer signalartig wahrnehmbaren Geigerpersönlichkeit. Niemand konnte auf der Geige derart exaltiert schluchzen, gebrochen seufzen und aus dunkelster Trauer in fast schreienden Jubel ausbrechen. Zum Entzücken seiner Verehrer setzte er diesen persönlichen Stempel jedem Stück - auch der einfachsten Melodie - auf, das er spielte; gelegentlich bis an die Grenze der Karikatur in Stücken wie Ave Maria' von Gounod oder der Musik von Fritz Kreisler. Immer aber gab sich von der ersten Note an der Meister zu erkennen.

Prima Carezza serviert acht Stücke von Georges Boulanger selbst und vierzehn weitere aus dem umfangreichen Repertoire von ihm und seinen Orchestern. Diese Musik will nicht ernst und "kammermusikalisch' gespielt sein. Sie erlaubt dagegen ein breites Spektrum von Freiheiten in Arrangement, Besetzung und Interpretation. Zwei Stücke von Boulanger, Comme-ci, comme-ça" und "Flageolett-Walzer", werden hier zum ersten Mal mit dem sogenannten Uttendoppler-Effekt gespielt. Die zwei Geigen spielen sich dabei die ganze in kurze Stücke geteilte Melodie pingpongartig zu.

 

Prima Carezza spielt in einer Originalbesetzung wie sie in mittleren Salon-Orchestern der Zeit üblich war, d. h. zusätzlich zum Klavierquartett mit Klarinette, Harmonium bzw. Akkordeon, Banjo, Vogelstimmen und dem damals obligatorischen Schlagwerk. Die Noten stammen aus alten Beständen und wurden in ganz Europa zusammengesucht. Wien, Berlin, London, Paris, Interlaken etc. Aus Dokumenten und Aufnahmen weiss man übrigens, dass früher viele weltberühmte Interpreten derartige Salonmusik gespielt haben, so zum Beispiel Adolf und Fritz Busch, Jacques Thibaud, Rudolf Serkin, Jascha Heifetz, Fritz Kreisler, Emanuel Feuermann, Pablo Casals, Paul Hindemith und viele andere; die Grenzen zwischen heiterer und ernster Muse waren damals weniger scharf als heute.

 

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Copyright © 2001 Prima Carezza
Stand: 20. Dezember 2005

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